Und was ist, wenn man keine andere Wahl hat?

Und was ist, wenn man keine andere Wahl hat?

Vorweg: Ich kenne Jens Spahn nicht persönlich. Seine politische Arbeit der letzten Jahre bewerte ich hier nicht. Ich denke mir in diesem Fall nur: Er hat wohl hart genug gearbeitet, um das nötige Geld zu verdienen, um sich einen Traum zu erfüllen, der vielen anderen verwehrt bleibt – und ich freue mich ehrlich für ihn und seine Familie!


Gleichzeitig bin ich persönlich das erste Mal von seiner politischen Kommunikation und Arbeit herbe enttäuscht. Denn mit seinem Rücktritt hat er eine riesige Chance verpasst. Er hätte einen Fokus setzen können, den wohl kein anderer Politiker und keine andere Politikerin in diesem Land so wirkungsvoll hätte setzen können: den Fokus der Selbstbestimmung.


Wahrscheinlich hätte ihm das sogar geholfen, nicht schon wieder der unbeliebteste Politiker der Nation zu sein. Vor allem aber hätte es geholfen, ein Thema endlich offen und ehrlich beim Namen zu nennen: Es gibt viele Menschen in Deutschland, die gar keine andere Wahl haben, als zur Leihmutterschaft zu greifen, wenn sie sich den Wunsch nach einer eigenen Familie mit einem eigenen, leiblichen Kind erfüllen wollen. Das gilt für schwule Paare genauso wie für Frauen, die beispielsweise nach einer Krebserkrankung keine Kinder mehr austragen können.


Und wenn ich es auf die Spitze treibe: So wie das deutsche Recht das Thema aktuell handhabt, fördert es im Ausland genau das, was es im Inland angeblich verhindern will: die Ausbeutung.


Wir in den USA sind echte Egozentriker, es geht immer um Selbstbestimmung. „Niemand kann mir das Recht nehmen, um…“ – und so sind unsere Gesetze auch aufgebaut. Was zur logischen Konsequenz führt, dass es nicht verboten ist, Leihmutter zu werden, sondern dass streng reguliert ist, wie man es sein kann, ohne ausgebeutet zu werden. Es ist ein ethisch anderer Ansatz. Keineswegs falsch, einfach nur ein anderer als in Deutschland – dessen Schutzgedanke im Kern ja auch nicht falsch ist.

Aber der Unterschied liegt in den Konsequenzen:
In den USA führt der Fokus auf die Selbstbestimmung dazu, dass der Staat Bedingungen schafft, die alle Seiten schützen. Die Gesetze in liberalen Bundesstaaten wie Kalifornien verlangen, dass eine Leihmutter finanziell absolut stabil sein muss, bereits eigene Kinder hat und psychologisch intensiv betreut wird. Das Risiko von Ausbeutung wird durch Regulierung minimiert, während gleichzeitig neuen Familienmodellen der Weg geebnet wird. Das System schaut hin und regelt die Realität.


Das deutsche System dagegen schaut weg. Indem Deutschland die Leihmutterschaft pauschal verbietet, löscht es den Kinderwunsch der Menschen nicht aus – es verlagert ihn nur. Und hier entsteht der blinde Fleck dieser Politik: Wer es sich leisten kann, fliegt in die USA. Aber wer diesen extrem teuren Weg nicht finanzieren kann, weicht im schlimmsten Fall in unregulierte Graumärkte in ärmeren Ländern aus. Das deutsche Verbot schützt also keineswegs alle Frauen; es drängt den Markt nur dorthin, wo Frauen eben nicht durch strenge Gesetze geschützt sind. Am Ende hinterlässt diese „Gesinnungsethik“ auf der einen Seite eine unfaire Zweiklassengesellschaft und auf der anderen Seite genau das Leid, das sie zu verhindern vorgibt.


Jens Spahn hätte sich hinstellen und sagen können: „Ja, ich habe diesen Weg gewählt, weil mein Mann und ich keine andere Wahl hatten. Und wir müssen jetzt darüber reden, warum das so ist.“ Er hätte die Debatte von einer scheinheiligen Schlammschlacht um Paragraphen hin zu einer echten Diskussion über moderne Familien und das Recht auf Selbstbestimmung lenken können.
Er hat sich für den leisen Rückzug entschieden. Die Leidtragenden dieser verpassten Chance sind all die Paare und Singles in Deutschland, die weiterhin ungewollt kinderlos bleiben – weil die Politik lieber ein abstraktes Prinzip schützt als die reale Vielfalt des Lebens.

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