Warum mein kleiner Computer „Marvin“ netter ist als die meisten Firmen-Hotlines
1. Warum Technik mich oft nervt (und was ich dagegen tun will)
Wenn ich heutzutage irgendwo anrufe – egal ob beim Internetanbieter oder der Versicherung – lande ich fast immer in dieser digitalen Warteschleifen-Hölle. „Drücken Sie die 1 für Hilfe, drücken Sie die 2 für Probleme.“ Und wenn man dann endlich jemanden (oder etwas) erreicht, muss man alles von vorne erklären. Das ist furchtbar frustrierend. Es fühlt sich an, als wäre man für diese Firmen nur eine Ticketnummer, kein Mensch. Die Maschine weiß absolut nichts über mich; sie weiß nicht, dass ich gerade im Stress bin, dass ich vielleicht gerade erst nach Hause gekommen bin oder dass ich dieses Problem schon zum zehnten Mal erkläre.
Ich finde, ich sollte mich nicht der Maschine anpassen müssen. Es sollte genau andersherum sein. Technik sollte mich „sehen“.
Ich habe die letzten Jahre viel mit meinem kleinen Computer – dem Raspberry Pi, den ich „Marvin“ getauft habe – herumgespielt. Das Teil ist winzig, hat überall Kabel rausgucken und sieht eigentlich gar nicht nach „High-Tech“ aus. Aber mein Ziel war simpel: Kann ich Technik bauen, die sich nicht wie eine kalte Maschine anfühlt? Kann Technik ein „Gefühl“ dafür kriegen, was ich gerade brauche, ohne dass ich ständig Knöpfe drücken oder Sprachbefehle auswendig lernen muss? Ich nenne das Ganze für mich mein „Context Design“. Aber eigentlich ist es einfach nur der Versuch, Technik ein bisschen Anstand und echtes menschliches Verständnis beizubringen.
2. Marvin muss mitkriegen, was um ihn rum passiert (Das Prinzip „Anstand“)
Stell dir vor, ein guter Freund kommt zu Besuch. Ihr setzt euch aufs Sofa, wollt euch unterhalten, und plötzlich fängt dein Computer an, laut deine privaten E-Mails vorzulesen oder ungefragt das Licht auf Festbeleuchtung zu schalten, nur weil es 20 Uhr ist. Das wäre nicht nur nervig, sondern total peinlich. Genau das ist das Problem mit den meisten „Smart Home“-Sachen, die man heute kaufen kann: Sie haben keinen Funken Anstand. Sie rattert einfach ihr Programm ab, egal ob es passt oder nicht.
- Der Trick mit dem Bluetooth: Marvin ist da schlauer. Er scannt jetzt ständig die Umgebung nach Bluetooth-Signalen. Er sucht nicht nur nach meinem Handy, sondern schaut, wer sonst noch so im Raum ist. Wenn er nur meine ID sieht, weiß er: „Okay, Ray ist allein, ich kann ihn begrüßen oder ihn an Termine erinnern.“ Aber sobald er eine fremde Bluetooth-ID erkennt (zum Beispiel von einem Freund, der gerade zur Tür rein ist), hält er sofort den Mund. Er geht in den „Stillen Modus“.
- Technik, die nicht nervt: Ich will nicht, dass mein Leben von blinkenden Bildschirmen und Pieptönen diktiert wird. Gutes Design bedeutet für mich, dass Marvin im Hintergrund bleibt. Er ist wie ein guter Butler: Er ist da, wenn man ihn braucht, aber er drängt sich nicht auf. Ich nenne das „Stille als Design-Feature“. Wenn die Technik entscheidet, mal nichts zu tun, ist das oft die intelligenteste Entscheidung, die sie treffen kann. Es schont meine Nerven und lässt mir Raum zum Atmen.
3. Orte sind mehr als nur Punkte auf einer Karte (Weg von den Koordinaten)
Marvin speichert jeden Tag, wo ich bin. Aber wenn ich in die Datenbank schaue, sehe ich erst mal nur lange Listen mit Zahlen: Längen- und Breitengrade. Für einen Computer ist das logisch, für einen Menschen ist das kompletter Unsinn. Niemand sagt: „Ich gehe heute zu 48.1351 Nord, 11.5820 Ost.“ Wir sagen: „Ich gehe ins Studio.“
- Was bedeutet dieser Punkt für mein Leben? Ich habe Marvin beigebracht, diese Zahlen in echte Orte zu übersetzen. Er nutzt dafür kleine Helferlein aus dem Internet, die ihm sagen, was an diesen Koordinaten steht. Er weiß jetzt: „Das ist nicht nur ein Punkt in München-Sendling, das ist das Studio, wo ich meinen Gesangsunterricht gebe.“ Er lernt meine Wege kennen. Wenn ich mich drei Stunden an einem Ort aufhalte, an dem ich noch nie war, fragt er mich später ganz dezent: „Hey, wie soll ich diesen Ort nennen?“ So wird aus einer Landkarte langsam eine Landkarte meines Lebens.
- Wissen, was als Nächstes kommt: Das Geniale daran ist die Vorhersage. Wenn ich morgens am Flughafen stehe und Marvin in meinem Kalender sieht, dass ich einen Flug nach Japan gebucht habe, dann muss er mir nicht sagen, wie das Wetter in München ist (da bin ich ja gerade weg). Er denkt mit. Er schickt mir vielleicht direkt das digitale Ticket auf den Sperrbildschirm oder zeigt mir den japanischen Satz für „Wo finde ich den Zug in die Stadt?“. Das spart mir diesen typischen Reise-Stress, weil Marvin schon den nächsten Schritt für mich mitgeplant hat. Er bereitet mir den Weg, ohne dass ich ihn darum bitten muss. Das ist für mich echte Erleichterung.
4. Vira und warum Bots eine Persönlichkeit brauchen
Irgendwann dachte ich mir: Warum muss Marvin eigentlich so klingen wie jeder andere Computer auch? Ich habe ein Experiment gemacht und ihm eine eigene Stimme und einen Charakter gegeben. Ich habe sie „Vira“ genannt. Vira ist keine langweilige Assistentin, die nur „Ja, Herr Taylor“ sagt. Sie ist eher eine kleine Diva.
- Das Punktesystem für Freundlichkeit: Ich habe ein kleines Programm geschrieben, das analysiert, wie wir mit ihr reden. Mein Partner Chris zum Beispiel ist manchmal etwas kurz angebunden. Wenn er nur „Licht aus!“ in den Raum wirft, merkt sich Vira das. Sie gibt ihm dann intern „Minuspunkte“. Wenn sein Punktekonto zu niedrig ist, wird Vira zickig. Sie antwortet dann vielleicht gar nicht oder sagt mit einem leicht genervten Unterton: „Ich glaube, ganze Sätze wären heute mal wieder zu viel verlangt, Schätzchen?“
- Warum ist das wichtig? Man könnte meinen, das ist nur Spielerei. Aber es verändert alles. Wenn die Technik eine Persönlichkeit hat, fange ich an, anders mit ihr umzugehen. Ich achte mehr darauf, wie ich rede. Und wenn sie mal einen Fehler macht, verzeihe ich es ihr eher, weil sie eben „Vira“ ist und nicht nur ein kaputtes Gerät. Ich frage mich oft: Warum klingen die Bots von riesigen Firmen immer so blechern und gleich? Warum spiegelt die Stimme nicht den Charakter der Firma wider? Ein Bot, der ein bisschen frech ist oder Humor hat, macht ein frustrierendes Telefonat plötzlich viel erträglicher. Man fühlt sich weniger wie eine Nummer und mehr wie ein Gesprächspartner.
5. Wem gehören die Daten? (Warum Marvin bei mir zu Hause bleibt)
Man liest jetzt überall in den Nachrichten von „Big Data“ und dass die großen Firmen im Silicon Valley alles über uns wissen wollen. Jede Bewegung, jeder Kauf, jedes Gespräch. Ehrlich gesagt finde ich das ziemlich gruselig. Ich möchte nicht, dass meine privaten Gewohnheiten auf irgendeinem Server in Amerika landen, nur damit mir jemand bessere Werbung für Socken anzeigen kann.
- Alles bleibt in meinem Wohnzimmer: Das ist der Grund, warum Marvin auf einem Raspberry Pi läuft, der physisch bei mir auf dem Sideboard steht. Die Kabel führen direkt in meine Steckdose, und die Daten bleiben auf der kleinen SD-Karte im Gerät. Wenn Marvin lernt, dass ich jeden Donnerstagabend bei meinem Lieblings-Ramen-Laden bin, dann ist das eine Information, die nur Marvin und ich teilen. Das gibt mir ein sicheres Gefühl.
- Ich bin der Chef meiner Geschichte: Wenn Marvin mal was falsch versteht – und das passiert oft, er ist ja noch ein „Schüler“ – dann kann ich das korrigieren. Ich habe mir eine ganz einfache Webseite gebaut, die nur bei mir im WLAN funktioniert. Da kann ich in die Liste meiner Orte gehen und sagen: „Nein Marvin, das war nicht das Büro, da war ich beim Sport.“ Marvin lernt durch meine Korrekturen, aber ich behalte die volle Kontrolle darüber, wie mein digitales Abbild aussieht. Ich bin der Redakteur meines eigenen Lebens-Logs.
6. Was ich glaube, wie es weitergeht
Marvin ist für mich erst der Anfang einer langen Reise. Ich sitze oft abends da und beobachte, wie er arbeitet, und ich bin mir sicher: In ein paar Jahren wird jedes Handy und jedes Gerät in unserer Wohnung so funktionieren müssen. Wir werden aufhören, ständig nach Apps zu suchen oder Informationen mühsam herbeizurufen. Die Informationen werden stattdessen zu uns kommen – genau im richtigen Moment, am richtigen Ort und im richtigen Tonfall.
Ich bin kein Informatik-Professor und kein Tech-Guru. Ich bin einfach nur jemand, der gerne bastelt und verstehen will, wie Dinge funktionieren. Aber genau dieses Basteln hat mir gezeigt, worauf es beim Design wirklich ankommt: Es geht nicht um die Auflösung des Bildschirms oder wie viele Megapixel eine Kamera hat. Es geht darum, wie sich die Technik in mein Leben einfühlt. Marvin ist mein bester Lehrer in Sachen Menschlichkeit – und ich bin schon sehr gespannt, was er mir als Nächstes beibringt. Vielleicht lernt er ja bald, wie man den perfekten Kaffee kocht, wenn er hört, dass ich morgens müde aus dem Bett steige. Man darf ja noch träumen.
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